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Masaccio, die Perspektive und Europa
Ein Versuch über den Bilderrahmen
Leander Kaiser, 1988/2006
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Das genaue Erfassen räumlicher Verhältnisse, das Ausmessen der Volumina und des Raums, die Suche nach Wegen, die morphologische Sicherheit in der Bestimmung von Pflanzenarten, all das ist heute Angelegenheit von Spezialisten und Apparaten und zu einem Gegenstand lexikalischer Wissensverfügung geworden. Oder es ist eingegangen in die Orientierungshilfen des dritten Signalsystems, der Leitsysteme apparativer Umwelten von den Autobahnen über die Interfaces der Computer zu Warnsignalen, die den Blechschaden beim Einparken verhindern sollen. Es ist offenkundig, dass ein abstraktes Gemälde für die Entwicklung der Fähigkeit, organische Selbstbewegung, Sehen und Maßverhältnisse aufeinander beziehen oder für eine Orientierung außerhalb von künstlichen Signalsystemen absolut nichts leistet. Da unser Sehen evolutionär jedoch mit Formen des Kampfs ums Überlebens, der Arbeit der Kommunikation und der Orientierung in einer nicht-apparativen jedoch intelligiblen Umwelt verbunden ist, kann die geistige Nahrung der Abstraktion kaum etwas mit Leistungen des Sehens zu tun haben.

Was dem Bilde bleibt, ist seine Rolle als eine Orientierung im Humanen und Menschlichen und sein Verhältnis zu den autobiographischen Entwürfen der vereinzelten Einzelnen. Alles Ersatzreligiöse, Symbolisch-Mythische ist nichts als ein schlechter Ausgang aus der Bedeutungslosigkeit, zudem behält es und erweitert es seine Rolle in der Schaffung einer Weltbejahung, die auch allem anderen die Freude und das Erstaunen gibt, gesehen zu werden.

Das Bild ist keine einmalige Neuigkeit, sondern grundsätzlich ein repetitiver Sachverhalt. Deswegen sind Fotos keine Bilder – sondern Abbildungen. Etwas kann durch Repetition eine Art Bildcharakter gewinnen, wie eine Endlosschleife, die immer wieder abgespielt, zum Sinnbild für ein historisches Ereignis, einen Ort u.a. werden kann: die brennenden Twin Towers oder die Freiheitsstatue. Solche Bilder funktionieren wie Symbole, die für Ideen oder Vorstellungen stehen. Das Sinnbild möchte sich uns einprägen als feste Verbindung von sinnlichem Geschehen und Deutung: es setzt uns nicht ins Bild, d.h. es ermöglicht uns nicht einen freien Gebrauch unserer Vermögen.

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