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Eine ästhetische Religion? Schönberg und der moderne Irrationalismus
Referat beim Symposion Schönberg und sein Gott im Arnold Schönberg Center Wien
Leander Kaiser, Wien, Juni 2002
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In Schönbergs Ausgabe von Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" ist als einzige Stelle von ihm rot unterstrichen worden: ... der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt und spricht die tiefste Wahrheit aus, in einer Sprache, die seine Vernunft nicht versteht; wie eine magnetische Somnambule Aufschlüsse gibt über Dinge, über die sie keinen Begriff hat. (12)

Diesen Satz zitiert Schönberg in seiner Schrift "Das Verhältnis zum Text", die er im Almanach "Der blaue Reiter" 1912 publiziert hat. (13) In demselben Abschnitt, wenige Zeilen zuvor, sagt Schopenhauer, daß die Erfindung der Melodie das Werk des Genius sei, dessen Wirken hier augenscheinlicher, als irgendwo, fern von aller Reflexion und bewußter Absichtlichkeit liegt und eine Inspiration heißen könne.

Dieser irrationalistischen Heiligung der Musik, der Bewußtlosigkeit ihrer Hervorbringung, der Unübersetzbarkeit ihrer Sprache in eine andere Sprache, der Offenbarung des Seinsgrundes durch die Inspiration des Komponisten, der so zum Seher und Propheten in einem sakralen Bereich wird, stimmt Schönberg nicht nur zu, sondern tadelt den Schopenhauer gar noch, daß dieser – in Widerspruch mit sich selbst – versuche, die Musik – als "die Sprache der Welt" – in "Begriffe" – als "die Sprache der Menschen" zu übersetzen. In der Folge bringt Schönberg die Inspiration des Komponisten mit einer Gabe des "reinen Schauens" zusammen, die nur äußerst wenigen edlen, reinen und hochstehenden Menschen gegeben sei (Richard Wagner ist für ihn mit solcher Schau begabt). Womit die Verbindung zur Theosophie und Anthroposophie, zur Gnosis hergestellt ist. Es ist der Pneumatiker, der gnostische Geistmensch, der im Unterschied zu dem der Materie verhafteten Hyliker zur Schau der geistigen Wesenheiten fähig ist; die Psychiker, als Dritte, die dazwischen stehen, können durch die Pneumatiker für den reinen Geist gewonnen werden im Kampf gegen das Banausentum und den Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft. Daß die Annahme einer solchen Gruppierung von Geist und Geistlosigkeit für die um Anerkennung kämpfende künstlerischen Avantgarde intellektuell komfortabel war, ist einleuchtend.

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