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Kandinsky, die Musik und Madame Blavatsky

Leander Kaiser, Wien 2001
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Diese Wirkung von Musik und abstrakter Malerei – die Seele vibrieren zu lassen, sie dadurch zu verfeinern, dem Materialismus zu entrücken und zum Geistigen zu erhöhen – hat für Kandinsky durchaus die Macht der Determination; es bedarf weder der Interpretation noch des Vorstellungskitzels der ästhetischen Suggestion noch der imperativen Anordnung, um den Rezipienten, eine gewisse Bereitwilligkeit vorausgesetzt, zum Empfänger der Schwingungen zu machen. Hierin ist eine neue Ermächtigung der Malerei und eine Kompensation ihres allmählichen Bedeutungsverlusts seit der Renaissance gegeben; jedoch eine Ermächtigung, die die der Malerei eigenen intellek- tuellen Werte liquidiert: nämlich ihren Modellcharakter für das Vorstellungsvermögen oder, um es pointiert mit dem frühen Marx zu sagen, ihre Tendenz, "die Sinne zu Theoretikern werden" zu lassen.

In dem Aufsatz Über die Formfrage von 1912 nennt Kandinsky die Kraft des "höherstrebenden Geistes" den "weißen fruchtbaren Strahl", die satanische Macht, die diese Höherentwicklung verhindern will, die "schwarze todbringende Hand".20 Es handelt sich um die Phantasie eines ewigen Kampfes zwischen dem (guten) "abstrakten Geist" und dem (bösen) "stumpfen Materialismus". Die Menschheit sondert sich in zwei Gruppen, die Banausen und Materialisten einerseits, die sich der Befreiung des Geistes entgegenstellen, und die Gutwilligen andererseits, die sich den neuen Werten öffnen. Der modernistische Mythos des "Neuen" verbindet sich hier mit der gnostischen Vision eines sich aus der Gebundenheit an die Materie fortschreitend befreienden Geistes, für den alle Kunst und letztlich das gegenwärtige Menschengeschlecht selbst nur zeitliche Formen seiner Manifestation sind. Die apokalyptische Stimmung, in der Kandinsky dergleichen geschrieben hat, findet sich auch in seinen Bildern dieser Zeit, die den zuerst musikalisch erlebten Geistestriumph über das Dunkle in dramatische, nach oben drängende Formen fassen – meines Erachtens ist diese Periode, die mit der Tätigkeit am "Bauhaus" endet, die bedeutendste im Schaffen Kandinskys.