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Kandinsky, die Musik und Madame Blavatsky

Leander Kaiser, Wien 2001
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Der bekannte Beleg für den Antisemitismus Kandinskys sind die Briefe aus dem Jahre 1923, in denen Schönberg ihn dessen verweist, und der folgende Abbruch der Freundschaft durch Schönberg. (Vgl. Arnold Schönberg: Briefe. Hg. von Erwin Stein. Mainz 1958, S. 90ff.) Hahl-Koch und andere wenden dagegen ein, Kandinsky sei von Alma Mahler-Werfel, die zuvor mit dem ersten Direktor des "Bauhaus", Walter Gropius, verheiratet gewesen war, fälschlich denunziert worden, am "Bauhaus" antisemitische Äußerungen getan zu haben. Der Antwortbrief Kandinskys (u.a. abgedruckt im Katalog der Schönberg-Kandinsky Ausstellung der Tretjakow-Galerie, S. 119) räumt den Verdacht jedoch keineswegs aus – was auch von Schönberg so gewertet wurde (Brief vom 4.5. 1923). Aus der Antwort Kandinskys erhellt nicht nur, daß es tatsächlich antisemitisch zu interpretierende Aussagen seinerseits gegeben hat (Frau Hahl-Koch glaubt absurderweise, daß Kandinsky gar nichts von sich gegeben habe, was erklärungsbedürftig gewesen wäre); mehr noch: sie läßt Kandinsky meines Erachtens als "Weltanschauungsantisemiten" erkennen, der aber für hervorragende Juden eine Ausnahme zu machen bereit ist. Dem widersprechen auch nicht die letzten Sätze in Kandinskys Brief: "Es ist kein großes Glück, Jude, Russe, Deutscher, Europäer zu sein. Besser ist Mensch. Aber wir sollen doch zum ,Übermenschen' streben. Das ist die Pflicht der wenigen." Solcher "Kosmopolitismus" war noch allezeit mit dem Antisemitismus vereinbar oder jedenfalls opportun, wenn es einmal galt, diesen zu leugnen.

Eine gewisse pragmatische Offenheit gegenüber dem Nationalsozialismus in der Anfangsphase seiner Herrschaft war einigen Meistern des "Bauhaus" durchaus gegeben. Kandinsky soll sich in einem Brief vom 23. April 1933 an den Maler Willy Baumeister sogar dafür eingesetzt haben, daß die modernen Künstler in den "Kampfbund für Deutsche Kultur", der von Alfred Rosenberg geleitet wurde, eintreten sollten. (Vgl. Jean Clair: Die Verantwortung des Künstlers. Avantgarde zwischen Terror und Vernunft. Aus dem Französischen von Ronald Vouillé. Köln 1998, S. 52ff.) Bekanntlich beschritt die Kulturpolitik des Nationalsozialismus andere Wege. Ende 1933 ging Kandinsky nach Frankreich. Die Verklärung der abstrakten Malerei konnte beginnen.