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Irrealität - Eine Realitätsebene im Handeln und in der Kunst
Referat im Rahmen der Innsbrucker Gespräche über Ästhetik 2011
Leander Kaiser, Wien, September / Oktober 2011
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Ich möchte im Folgenden drei bedeutende Beispiele für Irrealisierung als Gestaltungsmittel und Irrealität als Realitätsebene in der künstlerischen Darstellung vorstellen. Ich entnehme sie dem Werk zeitlich weit auseinander liegender Maler, zwischen denen für die Kunstgeschichte normalerweise keine spezielle Verbindung besteht: dem Spätwerk von Diego Velázquez, entstanden zwischen 1651 und 1660, dem frühen Werk von Giorgio De Chiricos, das am Vorabend und zu Beginn des Ersten Weltkrieges entstanden ist, und, ein Zeitsprung wiederum von fast 100 Jahren, der Malerei Neo Rauchs aus den letzten Jahren.

Erst nach seiner Rückkehr von seinem mehrjährigen, zweiten Aufenthalt in Rom und Italien, an den spanischen Hof im Jahre 1651 hat Velázquez zu jener Technik gefunden, die einen einsamen Höhepunkt in der Geschichte der Malerei darstellt. Wir sehen aus der Nähe Flecken, Tupfen, Striche, die scheinbar zusammenhanglos auf breit aufgetragene Farbflächen gesetzt sind. Betrachten wir das Bild dagegen aus einer gewissen Entfernung - es reichen schon die zwei, drei Meter, die bei einem mittelgroßen Velázquez nötig sind, um das Ganze des Bildes im Auge zu behalten -, so schließen sich diese Pinselzüge zur Erscheinung von Figur und Raum zusammen und sind als solche nicht mehr wahrnehmbar. Diese Technik, deren Nachahmung nie recht geglückt ist, auch den Impressionisten nicht, deren Bewunderung für Velázquez zum Teil auf einem Missverständnis beruhte, hat ihre Vorläuferschaft am ehesten im Alterswerk Tizians. Tizian vollzog als Erster in dieser Radikalität eine Umkehrung: an die Stelle der genauen, minutiösen Nachahmung der Naturerscheinung tritt bei ihm der Gedanke, dass das Bild Sehanweisungen an den Betrachter gebe, die der Betrachter selbst auf Grund seiner Fähigkeiten zur Gestaltwahrnehmung ergänzen kann, in den Vordergrund. Es wird also nicht mehr detailliert etwas ausgeschildert, sondern seine Präsenz in der visuellen Vorstellung des Betrachters suggeriert.

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