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Incidente sul fare del giorno oder Zwischenfall im Morgengrauen
Meditation über ein Bild von Leander Kaiser (Die Königin von Saba)
Veronika Seyr, Moskau 2004
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Kam es davon, dass das Bild seinen richtigen Platz zwischen Möbeln, Pflanzen, Lampen, Katzen, Hunden und Bildern noch nicht gefunden hatte? Warum bleibt ein Bild an einem falschen Platz ohne Wirkung? Warum wird es sogar zum Ärgernis? Bin ich ordinär oder speziell, mit einem feinen Geschmack oder geschmäcklerisch? Warum braucht jedes Bild sein eigenes Biotop? Ich nehme mir vor, einmal Leander zu fragen, ob er weiß, wie andere Liebhaber seine Bilder benutzen.

Er hat Anhänger, Fans, Sammler, aber sind die alle so wie ich Benutzer? Oder davon, dass ich mir seinen richtigen Titel einfach nicht merken konnte? Es wurde vom Künstler Zwischenfall im Morgengrauen genannt, italienisch Incidente sul fare del giorno . Mir fiel aber dazu immer nur Die Dämmerung ein. Mehrmals kam es deswegen bei Gesprächen mit Leander zu Missverständnissen über den möglichen Transport, als sprächen wir von verschiedenen Bildern. Ich sprach von der Dämmerung, er verstand nicht, Dämmerung? Dämmerung? Ich habe keine Dämmerung. Das ist das Bild mit der Frau vor der Sänfte. Ach, du meinst den Zwischenfall im Morgengrauen, wurde ich korrigiert. Ich stellte fest, ich hatte etwas anderes in mein Hirn übersetzt als der Maler gemeint hatte. Ich war bei Bildern und Büchern immer schon extrem egoistisch und subjektivistisch, das störte mich nicht mehr, stand dazu: ich bin eine Konsumentin, eine Benützerin, eine Nutznießerin von Talenten, die etwas von mir und meinem Leben ausdrücken können. Ich habe keine verehrerische oder kunsthistorische oder sammlerische Haltung zur Kunst, sie ist für mich praktisch. Ein Lebensmittel, ein besonderes, aber ansonsten Punkt um.

Erst als mir mein handwerklich begabter Katzen- und Hunde-Sitter Anatolij nach allen Regeln der Kunst das Bild am richtigen Platz aufhängte (mit Wasserwaage und den passenden Haken), kam ich dem Rätsel auf die Spur: ich hatte eine tiefe Abneigung gegen das Morgengrauen, viel mehr gegen das „Grauen“, das in ihm steckte.

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