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Die Bienen der Persephone oder: Calling all Fridas und ein wenig Honig
Zur Entstehung der Bilder in Marrakesch – mein wildes Geschenk an Hildegard Stöger
Veronika Seyr, Wien 2008
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Das Wunder von Marrakesch sind die Farben:
Rot wie postmoderne Tortenstücke zwischen Punschkrapferl und Moorimhemd. Rot kann noch mehr sein: zinnober, ziegel, burgunder, karmin, orange, lachs, ocker und krapp. Indigo ist blau und grün, Granatäpfel ergeben schwarz; Safran und Mandelblätter – gelb; zimtbraun, mauve und Sandleder sind auch heimische Farben, Tee und Henna machen rotbraun, Safran und Muskat, Pfeffer und Chili waren einst die teuersten Aphrodisiaka. Die Purpurschnecke spricht für sich. Aus 6000 Schnecken ließen sich 1 Gramm Purpur gewinnen, Juba  II. verkaufte es im 1. Jh. v. Ch. an die Römer teurer als Gold. Wie banal das Arganöl: aus 50 kg Kernen gewinnen sie 1 Liter Öl, mit Hilfe der Zottelziegen.

Kein Wald aus Orgelpfeifen in Marrakesch. Es kräht kein Hahn, keine Glocke ruft, nur fieberheißes Rauschen von Grillenliedern, die Goldammern trillern unbekannte Lieder, die rote Seide brennt und brennt heiß. Um fünf Uhr früh reißt das Allahu-Akhbar die Schläfer zum erstenmal aus dem Schlaf und bleibt als drohende Klage über uns hängen wie Gestirne im Himmel aus kreischenden Lautsprechern: Allah ist groß und es gibt nichts außer Allah, aus fünf Moscheen, die Mönchsgesänge zerpflügen die Gassen der Medina die ganze Nacht, unermüdlich wie unsichtbare Straßenkehrer. Im Hitzerachen des Platzes der Erhängten stürzen sich die Märchenerzähler, Schlangenbeschwörer und fingerfröhlichen Flötisten auf die fremde Schöne und legen sie in Ketten. Gut und Böse, Himmel und Hölle sind klar unterschieden, aber was jetzt?

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