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Die Bienen der Persephone oder: Calling all Fridas und ein wenig Honig
Zur Entstehung der Bilder in Marrakesch – mein wildes Geschenk an Hildegard Stöger
Veronika Seyr, Wien 2008
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Der junge Tuaregprinz aus der Sahahra verkauft sich und seine Waren in selbsterlerntem Straßenenglisch den Touristen. 20 Meter braucht er für seinen schwarzen Turban, 9 Meter für den Frauen-Chaik. Auch die schönsten Stoffe verwandeln die Frauen in unsichtbare Kartoffelsäcke mit tiefen Augenhöhlen. Mir knirscht mehr als der Sand zwischen den Zähnen. Ein Luftballett in der oberflächlichen Schönheit des Überlebenskampfes. Das Schönste daran scheint mir der Name des Windes: alizee.

Im Spiel von Vergessen und Erinnern

In der Schiffswerft von Essauoira hat sie die Boote losgebunden und das Netz nach Hause gezogen, im Bündel, voller Flügel und Flossen und um hundert Flügel reicher. Die Seele will sich nicht fügen, die Lippen fliegen rot und trinken blind, ihre Zeit, ihr Tier. Heuer ist der Juli der rote Monat. Aber man kann nur staunen, es ist kein gieriges, wild gewordenes Rot. In diesem Rot ist nichts Herausforderndes, im Gegenteil, es ist lauter Gelächter, heiter und kinderrot, die Farbe der ersten Natur. Im Sonnenbegräbnis, in der Hitze von Marrakesch, fließt Persephones goldener Honig aus der Flasche wie ein zäher Strom. Sie hat ihn nicht gesucht, den Sieg mit den abgeschnittenen Händen. Die Freudensworte muss sie mühsam erlernen wie fremde Gebete, sie kommen nicht von selbst, nur die Qualen sind immer da in der stillen Zelle hinter den Körben mit Feigen und Zwiebeln. An den weissen Gitterfenstern kräuselt sich der rostige Mond im Pelz der Nacht. Die Spindel surrt, Penelope spinnt und trennt jeden Tag wieder auf, wie lange webt sie allein? Das Schiffchen fliegt und Troja brennt. Von der Akropolis steigt schwarzer Rauch auf und umhüllt die Jungfrauen. Sie verlässt den Schiffsbauch und die im Meer wund geriebene Leinwand. Odysseus ist zurückgekehrt, reich erfüllt von Raum und Zeit aus den schweren Wellen, das Goldene Vlies hängt ihm zerschlissen vor der Brust. Aus Esel und Schildkröte baut er sein Boot auf der Brücke und umschlingt die Weltkugel. Das Leben fiel, ein Wetterblitz, wie die Wimper ins Wasserglas stürzt, lügenprall, er klagt nicht an. Jenseits der Wimpern wird sie seine Frau genannt.

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